Der Geschichte dritter (und letzter) Teil. Es zeigt sich, dass Millefleurs' Handlungsweise tatsächlich wohlüberlegt zu sein scheint. Was will sie mit der Gabel? Das wird sich schnell herausstellen – und auch, weshalb sie lieber eine Gabel nahm als ein Messer…

Millefleurs war beschäftigt. Zuerst bog sie die Zinken der Gabel um, so dass sie in verschiedene Richtungen zeigten. Dann benutzte sie einen der abgebogenen Zinken, um im Schloss ihres Halsrings herumzutasten. Nach nur fünfzehn Minuten klickte das Schloss leise auf und sie seufzte erleichtert auf. Sie drehte sich komplett herum, um nachzusehen, wie der Ring in der Wand befestigt war.

Der Seufzer und die Bewegungen störten Yana aus ihren trüben Gedanken auf. Sie blickte auf und rief erschrocken aus: "Sie sind ja doch verwundet."

"Psst! Nicht so laut! Wo bin ich verwundet?"

Obwohl sie nicht wusste, wieso, flüsterte Yana: "Da, auf Ihrer linken Seite."

Millefleurs blickte an sich herab, auf einen braunen Streifen, der links an ihrem Bauch vorbei führte. Dann wischte sie ihn mit einem Finger auf und leckte ihn ab. "Minzsauce. Sie hatten gerade gegessen."

Yana schüttelte ein paar Mal ihren Kopf. Sie versuchte noch immer, Sinn in Millefleurs' Kommentar zu bringen, als Millefleurs plötzlich vor ihr stand.

Vor Schreck vergaß sie zu flüstern. "Was? Wie?"

Millefleurs hob den Finger an ihre Lippen, Stille erbittend. Dann flüsterte sie "Sie schlafen wahrscheinlich alle, sie haben genug getrunken, aber es ist möglich, dass der eine oder andere etwas Bier loswerden will. Wir sind besser leise."

Sie begannt, Yanas Schloss mit der Gabel zu bearbeiten. Es war deutlich einfacher, die Eisen von einer anderen Person zu öffnen als die eigenen, und in einer Viertelstunde konnte sie sowohl Pampryl als auch Yana befreien. Dann verlor sie sich in Gedanken, während sie zum Höhleneingang blickte.

"Wollen Sie sich nicht wieder anziehen?" unterbrach Pampryl ihre Gedanken.

"Hmm… das ist eines der Dinge, die ich gerade überlege. Ich denke, es wäre eine gute Idee wenn Yana auch zumindest das Oberteil ausziehen würde."

"Was?" entrüstete Yana sich.

"Ganz einfach. Da sind nur Kerle in den Höhlen, so viel habe ich gesehen. Der Anblick eines nackten weiblichen Körpers könnte uns ein, zwei Sekunden zusätzlich geben, während sie überrascht sind. Aber… sie haben meinen bereits gesehen, da ist die Überraschung geringer. Und wir brauchen jeden Vorteil, den wir ergattern können, und sei er noch so klein."

Yana dachte nach. Schließlich zuckte sie die Schultern und sagte: "Na ja, ohne Sie wäre ich inzwischen noch viel schlimmer dran, also was soll's?" Und sie knöpfte ihre Bluse auf, während ihr Vater ungläubig zusah.

Am Höhleneingang verharrte Millefleurs und lauschte. Regelmäßiges Schnarchen verriet, dass der Bandit, der sie bewachen sollte, überzeugt war, dass sie nicht entkommen konnten. Millefleurs deutete den beiden, sie sollten einen Augenblick warten sollten, und verschwand. Nach zehn Sekunden stoppte das Schnarchen, aber es wurden keine Kampfgeräusche laut bis Millefleurs wieder hereinschaute. Sie hielt eine Armbrust in der Hand und gab einen Säbel an Pampryl. Sie erklärte, dass sie beides der Wache abgenommen hatte.

"Also dann. Gehen wir, aber leise!"

"Und der Wächter?"

"Wird uns nicht stören. Aber versucht lieber nicht, ihn aufzuwecken."

Yana sah erleichtert aus, als sie durch das stille Versteck schlichen. Aber, als wolle Negemji, die Göttin des Zufalls, sie noch einmal testen, stolperte etwa vier Meter vor Yana ein Mann aus einer Seitenhöhle, noch immer schlaftrunken. Offensichtlich wollte er überschüssiges Bier loswerden. Allerdings hatte er nicht erwartet, in den Gängen eine halbnackte Frau zu sehen, und war für einen Moment stocksteif erschrocken. Dann gingen seine Augen zur völlig nackten Millefleurs, die neben Yana stand, und noch weiter auf.

Aber als er seinen Mund öffnete um eine Warnung zu rufen, gab es einen metallisches "Twng" und er fühlte, wie etwas seine linke Brustseite traf. Er blickte hinab, überrascht, und sah einen Armbrustbolzen; aber ob er ihn noch erkannte, bevor er starb, blieb ein Rätsel. Er fiel ohne ein weiteres Geräusch, und Millefleurs durchsuchte ihn schnell. Sie gab ein großes Messer an Yana, die es unsicher hielt. Es gab nichts anderes, das Millefleurs nützlich erschien, und so gingen sie weiter.

Im Freien angekommen, suchte und fand Millefleurs einen Käfig mit drei Tauben. Zu Yanas Entsetzen ergriff Millefleurs die Tauben Stück für Stück und drehte ihnen die Hälse um. Sie gab jedoch keinen Kommentar ab.

Die Pferde der Räuber standen in einer Umzäunung. Millefleurs öffnete das Tor und jagte alle Pferde davon, wobei sie nur drei zurückbehielt. Dann winkte sie Pampryl und Yana, auf zweien davonzureiten, bevor sie sich anzog und dann auf das dritte Pferd stieg.

* * * * *

Es war gegen Mittag am nächsten Tag, und die Pferde waren vom Gewaltmarsch müde, als sie die Hauptverbindungsstraße wiederfanden. Da sie sich in der Gegend nicht auskannten, hatten sie deutlich länger nötig gehabt als auf dem Hinweg, und als sie den Weg erreichten, stellten sie überrascht fest, dass sie beinahe genau die Stelle erreicht hatten, wo sie entführt worden waren. Sie sahen zwei Kutschen in paar hundert Meter entfernt,und einige Soldaten durchsuchten die Gegend nach Spuren.

Die Soldaten waren ziemlich überrascht, als die Vermissten auftauchten, und hörten Pampyl und Yana zu, als sie erzählten, was geschehen war. Die Händler erzählten recht wenig davon, wie sie entkommen waren, und sagten nichts, weshalb sie entführt worden waren. Sie behaupteten, es nicht zu wissen, und dass sie Lösegeldforderungen erwartet hätten. Schließlich bestiegen Vater und Tochter eine Kutsche, und gerade, als sie losfahren wollte, beugte Pampryl sich noch einmal hinaus, und soprach die Soldaten an.

"Mir ist gerade etwas eingefallen. Ich habe einigen Einfluss in der Stadt, und die Bardin hat unser aller Leben gerettet – und mehr. Ich sage nur, ich finde, dass die Verbannung von Millefleurs aufgehoben werden sollte. Und wenn ich wieder in Miran bin, und der Bann besteht immer noch, werde ich Krach schlagen. Das schulde ich Euch", verbeugte er sich schließlich in Millefleurs' Richtung, die noch immer durch die Soldaten befragt wurde.

Millefleurs lächelte zurück. Anschließend beobachtete, wie die Kutsche davonfuhr. Als sie nicht mehr zu sehen war, sagte sie zu dem Soldaten neben ihr: "Ich glaube, ich soll mit jemandem reden, sobald die Kutsche fort ist?"

Der Soldat grinste. "Ja, er wartet in der anderen Kutsche."

Millefleurs ging hin, klopfte an die Türe und öffnete sie, ohne auf eine Antwort zu warten. In der Kutsche saß Baron Viridian Gilbur und lächelte sie an. "Das Geheimnis ist immer noch sicher?"

"Ja, sogar, als wir entkommen waren, erzählte er immer noch nicht, worum es ging. Ich habe ein paar Vermutungen, aber mehr auch nicht."

"Ja, ich finde, du solltest es wissen. Wir haben einen Gegenstand zur Analyse nach Mesafort geschickt, einen, den du kennst – ein verfluchtes Amulett."

Millefleurs nickte. Sie kannte das Amulett; der Fluch war, dass es nur auf illegalem Weg den Eigentümer wechseln würde.

"Uns ist natürlich klar, dass das Amulett gestohlen werden könnte. Um dies zu vermeiden, haben wir mehrere Boten mit Informationen gesandt, die die Akademie in Mesafort neben dem Amulett benötigt – und Pampryl hatte die Information, wie und wann das Amulett übergeben werden soll."

"Aha. Für jemanden, der das Amulett haben will, ist das natürlich eine wichtige Information. Aber besteht nicht die Gefahr, dass er noch einmal entführt wird?"

"Man müsste zunächst einmal merken, dass die Entführung nicht gelungen ist, und dann ziemlich schnell arbeiten. Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Vorausgesetzt, dass die Briganten die Information nicht schnell weitergeben können."

Millefleurs schüttelte den Kopf auf die implizierte Frage. "Sie haben keine Pferde mehr. Auch hatten sie drei Brieftauben, aber die schwimmen vielleicht schon in der Suppe."

"Wie bitte?"

"Sie sind tot."

"Zufriedenstellend. Hast du noch einen Kommentar?"

In diesem Augenblick klopfte es noch einmal an der Kutschentüre und sie ging auf. Einer der Soldaten blickte herein. Er war Agent des Geheimdienstes und wusste um Millefleurs' Rolle. Er hielt den Leinensack mit den Bruchstücken der Laute in der Hand und reichte ihn herein.

"Danke", sagte sie zu ihrem Kollegen. Anschließend wandte sie sich noch einmal an ihren Onkel. "Was Ihre Frage angeht… war es schlau, jemanden wie Pampryl anzuheuern? Er wäre beinahe gebrochen worden und hätte alles erzählt, als sie seine Tochter bedrohten."

"Pampryl ist kein Agent des Geheimdienstes, und daher weniger verdächtig als Kurier. Wir vermuten, dass die Gegenseite die meisten unserer Agenten kennt. Und was seine Schwäche für seine Tochter angeht: Es gibt für jeden einen Punkt, an dem er zerbricht. Man muss nur arbeiten, um den Punkt zu finden – manchmal mehr, manchmal weniger."

Er stoppte, und wartete anscheinend, dass Millefleurs etwas sagte. Aber Millefleurs gab schon dadurch, dass sie jetzt nichts sagte, ein eindeutiges Statement ab. Schließlich seufzte Baron Gilbur und blickte sich suchend um. Das Interview war vorbei.

Millefleurs wollte gerade aus der Kutsche steigen, als ihm noch etwas einfiel."Lilli, ein Wort noch. Ich hörte, was in der Höhle geschehen ist. Ich weiß, wie hart es für dich gewesen sein muss…"

Millefleurs schüttelte den Kopf. "Alles ein Teil des Jobs. Weißt du, es gab nur ein Ding, das mir wirklich schwer fiel…"

"Ja?"

"Als sie Laute zerstört wurde."

Der Soldat, der immer noch hineinschaute, nickte mitfühlend. "Das muss weh tun, wenn ein Lieblingsinstrument zerstört wird."

"Das war es nicht. Aber es so aussehen zu lassen, als würde ich darüber weinen, das war wirklich anstrengend."

Als sie davon schritt, blickte der Soldat Baron Gilbur mit offenem Mund an. "Verzeihung, aber was hat sie in ihren Venen? Eiswasser?"

Baron Gilbur lächelte. "Nein, ich würde nicht sagen, dass sie da Eiswasser hat."

Plötzlich fiel dem Soldaten wieder ein, mit wem er da sprach. "Oh, es tut mir leid, ich wollte nicht…"

"Nein, kein Eiswasser. So heißblütig ist sie nicht."