Der Geschichte zweiter Teil. Wir treffen die titulären Räuber, und Millefleurs opfert sich. Weshalb, und was dahinter steckt, ist nicht klar – aber es scheint den Räubern um etwas anderes zu gehen als schnöden Mammon…


Es war am frühen Nachmittag, kurz nach der Mittagspause, als die Kutsche plötzlich anhielt. Die drei blickten verwirrt auf, denn es war kein Halt angekündigt.

"Was ist los?" wollte Pampryl wissen.

"Mal sehen" antwortete Millefleurs und blickte durch einen Spalt im Vorhang. "Oh oh!"

"Wie? Ist es schlimm?"

"Nun, ich sehe etwa die doppelte Götterzahl in schmutzigen dunklen Rüstungen, die die Kutsche anscheinend gestoppt haben. Ich vermute es sind Räuber, und nur zwei Wächter und ein Kutscher reichen wohl kaum um sechzehn Räuber zu vertreiben."

"Was meinen Sie?"

"Ich meine, selbst wenn Sie ein Spitzenkämpfer wären, wären das vier gegen… mindestens fünfzehn plus sicherlich noch ein paar Bogenschützen im Gestrüpp. Das ist eine sichere Niederlage. Wir fügen uns besser."

Schnell wich sie vom Fenster zurück, und drei Sekunden später wurde die Türe aufgerissen.

"Alle Mann raus!" bellte eine raue Stimme.

Im plötzlichen Sonnenlicht blinzelnd, stiegen die drei aus. Hinter ihnen überprüfte ein Brigant schnell die Kutsche und kam wieder heraus und gab ein Zeichen, dass sie wirklich leer war. Die Wächter und der Kutscher waren bereits entwaffnet und jemand warf das Gepäck vom Kutschendach. Es wurde schnell durchsucht, und ein paar Münzen und etwas Schmuck aus Yana's Tasche verschwanden in den Taschen der Räuber.

Als ihre Tasche hinunter geworfen wurde, keuchte Millefleurs leise "Nein!" Der Anführer der Briganten hatte es aber anscheinend gehört, und er grinste sie bösartig an, als er mit großer Sorgfalt auf ihre Laute trat. Das Splittern des Holzes war klar zu hören. Millefleurs schluckte ein paar Mal, und dann flossen Tränen ihre Wangen hinab, während die Räuber rau lachten.

Unerwarteterweise wurden nur die drei Reisenden gebunden und mitgenommen, während der Kutscher und die Wächter zurückgelassen wurden. Nach ein paar hundert Metern durchs Gestrüpp wurden die drei auf Pferde geschnallt und die Räuber rasten mit ihnen davon.

Es wurde bereits Nacht, als die Räuber eine Höhle in den Bergen erreichten. Millefleurs blickte sich um. Es sah aus, als würden etwa fünfundzwanzig Banditen hier hausen, wenn man von den Bettrollen ausging, die in der Höhle lagen, durch die sie gestoßen wurden. Schließlich erreichten sie eine Höhle weitab vom Ausgang, wo ihre Hände und Füße sicher gebunden wurden und ihre Hälse in Ringe geschlagen, die mit Ketten an den Wänden festgemacht waren. Die Höhle war lang und eng, und die Ketten waren so kurz, dass sie sich nicht gegenseitig berühren konnten, ganz zu schweigen von Versuchen, sich gegenseitig zu befreien. Dann fiel erst einmal Stille herab.

"Da wären wir also", meinte Pampryl mit niedergeschlagener Stimme. "Hat jemand eine Idee, weshalb sie uns mitgenommen haben?"

"Das frage ich mich auch", musste Millefleurs zugeben. "Es kann nicht für Lösegeld sein, denn dann hätten sie mich nicht mitgenommen – nicht, nachdem sie mein Gepäck gesehen hatten. Sie müssen wissen, dass ich nichts besitze, um ein Lösegeld zu bezahlen, und dass es wahrscheinlich auch niemanden gibt, der er täte."

"Keine Verwandten?"

Millefleurs lächelte bitter. "Nun, ich habe einen Onkel, der reich genug wäre, um Lösegeld zu zahlen…"

"Na also!"

"Aber … würde er das wirklich tun, direkt nachdem er mich aus Miran deportieren ließ?"

Pampryl blickte sie entsetzt an. "Sie meinen… Baron Gilbur?"

"Ja, genau der alte Nörgler. Der würde nur grinsen und sagen 'Gut dass ich die los bin', wenn er hiervon hört."

Pampryl und seine Tochter blickten sie unsicher an. "Aber er ist doch Ihr Onkel … Hmm, ich habe ein paar Spottlieder über ihn gehört, die Sie geschrieben haben sollen. Es scheint wirklich, dass zwischen euch beiden wenig Liebe herrscht."

"Sagen wir lieber: Keine. Er wollte mich in eine Magierkarriere zwängen, aber den Göttern sei gedankt, dass ich dafür so geeignet bin wie ein Ziegelstein. Das hat ihn tief getroffen, und als ich beschloss, als Bardin durch die Lande zu ziehen, traf ihn beinahe der Schlag. Wenn es jemanden gibt, der sich über Nachrichten von meinem Tod freuen würde, dann der alte Knacker."

Schritte näherten sich. Dann trat ein Mann in ihr Gefängnis, dunkel- und fetthäutig. Seine Rüstung war etwas besser unterhalten als die der anderen Räuber, und sein Benehmen war das eines geborenen Anführers. Er blickte die drei an und drehte sich um.

"Wer ist das?" fragte er, wobei er auf Millefleurs wies.

Ein anderer Bandit blickte in die Höhle und sah, auf wen er zeigte."Ein Passgier. Du sachtes wir solln die Passgiere mitbringen."

"Aber es gab nur zwei Passagiere, du Narr."

Der Bandit schüttelte den Kopf. "Nee, da warn drei. Ick weeß, watte gesacht hattst, aber …. es warn drei."

Der Anführer blickte Millefleurs misstrauisch an. "Wieso warst du in der Kutsche?"

Millefleurs blickte starr zurück. "Ich wurde aus Miran deportiert. Anscheinend mochte jemand nicht, welche Lieder ich sang."

"Und steckte Dich in eine Schnellkutsche? Die müssen es ja richtig eilig gehabt haben, dich los zu werden."

"Oh ja, das hatte er. Sagte, ich würde seinen guten Ruf beschmutzen. Und dann nutzte er seine Macht…"

Der Banditenanführen grinste wie ein Wolf. "Das is' dann dein Pech. Wenn er es nicht so eilig gehabt hätte, wärst du nicht hier."

Dann wandte er sich an Pampryl. "Es ging vor allem um dich. Du weißt, warum."

Pampryl blickte ihn fragend an. "Wenn ihr Geld wollt, wäre es nicht einfacher gewesen, nur meine Tochter Yana zu entführen, und mich loszuschicken, das Lösegeld zu bringen?"

"Geld!" Der Mann lachte schmierig. "Ich interessiere ich nicht für dein blödes Geld. Ich will einen Ort wissen. Und du weißt, welchen Ort und wo das ist. Verstehst Du?"

Offensichtlich verstand Pampryl diese kryptischen Andeutungen, denn er fragte gar nicht erst nach, was der Räuber meinte. Trotzig reckte er sein Kinn hoch."Das ist etwas, was ihr nicht aus mir herausholen werdet."

"Das werden wir sehen." spottete der Anführer.

"Ihr könnt mich foltern, aber ich werde nicht reden."

"Ah, aber wer redet denn davon, dich zu foltern, kleiner Fettsack? Ich nicht."

Pampryl blickte hinüber zu Yana, plötzliches Verstehen in den Augen. Dann schien er sich zusammenzureißen. "Auch wenn ihr Yana foltert, ich werde nicht reden."

Der Banditenführer grinste. "Wir werden sehen. Du kannst es jederzeit stoppen, Du brauchst es nur zu sagen…"

Millefleurs unterbracht das traute Stelldichein. Spottend sagte sie: "Wow, was für ein mutiger Mann steht hier, der Gefangene bedroht, Gefesselte, die sich nicht wehren können. Und wenn dein Gefangener dir erzählt, was du wissen willst: Ist deine Macht über diese Halsabschneider groß genug, dass sie nicht auf die Idee kommen, die Information selbst zu benutzen und dich aus der Rechnung herauszuschneiden?"

Der Anführer wirbelte herum. "Still! Du bist nur eine Gefangene,,und wenn ich will… Hmm… Vielleicht war es ja eine gute Fügung, dass du in der Kutsche gesessen hast…"

Millefleurs blickte ihn verständnislos an. "W… was meinst du?"

Er wandte sich wieder an Pampryl. "Du hast einen Tag Zeit, es dir zu überlegen, bevor wir uns deine Tochter vornehmen. Aber, damit du auch etwas hast, worüber du nachdenken wirst…" Er gab einem seiner Männer ein Handzeichen, der den Ring von Millefleurs' Hals wieder entfernte. "Nun, ihr könnt von hier gut hören. Und hinterher kann sie euch alles erzählen. Nehmt sie mit!"

Sie holten Millefleurs aus der Höhle und brachten sie nach vorne.

In der Höhle fragte Yana besorgt ihren Vater: "Worüber sprach der Mann?"

"Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest, mein Kind", antwortete Harkon Pampryl, und wurde durch Geheul und Pfiffe aus der Haupthöhle unterbrochen. "Oh je, klingt als ob sie alle versammelt sind."

Mit wachsender Besorgnis horchten sie den Geräuschen, die aus den vorderen Höhlen zu ihnen drangen, und die Rufe und Jubelschreie. Hin und wieder klang es auch nach gedämpften weiblichen Schreien, aber das musste seine durchgehende Fantasie sein, versuchte er vergeblich sich selbst zu überzeugen.In glühenden Farben sah er vor seinem geistigen Auge, was da vorgehen mochte, und die Tatsache, dass es nur seine Einbildungskraft war, wollte auch nicht helfen. Da war diese leise Stimme, die ihn fragte: "Wenn das jetzt deine Tochter wäre?"

*****

Die Geräusche schienen eine Ewigkeit anzudauern, bevor sie erstarben. Zurückblickend schätzte er, dass sie nicht mehr als sechs Stunden gedauert haben konnten, aber er war ein gebrochener Mann. Nur die Gedanken, was dort vorgegangen sein könnte – und der Gedanke, Yana sei dort – hatte ihn beinahe in ein wimmerndes Wrack verwandelt. Er blickte kaum auf, als Millefleurs zurückgebracht wurde. Sie konnte kaum noch gehen, und hielt ihre Kleidung in einem Bündel vor sich. Es gab allerdings keine Brandwunden oder Folterspuren.

"Was habt ihr ihr angetan?" wollte er von den beiden Räubern wissen, die sie eskortierten.

"Dat soll sie euch sahn", höhnte einer. "Aba glaubs mia, s'is schlimmer als Folta für viele."

Yana schien erst jetzt zu verstehen – sie keuchte kurz auf, und ihr Vater sank in seinen Ketten zusammen.

Auch Millefleurs sank zu Boden, immer noch ihre Kleider haltend, und blickte nicht auf, als der Halsring wieder verschlossen wurde. Der Räuber, der das Vorhängeschloss anbrachte, blickte zu seinem Kollegen. "Un die Hände un Füße?"

Der andere überlegte kurz. "Nee, is mir egal ob se sich widda anziehn kann. Aba sie kann doch nix tun, also lass sie in Ruhe." Er gähnte. "Ich bin müde. Gehn wer zurück und schlafen."

"Jo, gute Idee", stimmte der andere zu.

Als sie gegangen waren, blickte Pampryl zu Millefleurs hinüber. "Nun, Fräulein, ich muss sagen… es tut mir leid… also… wie kann ich sagen…?"

Plötzlich blickte Millefleurs auf. "Ich denke, Sie sagen am besten nichts."

"Aber Sie haben sich im Endeffekt für meine Tochter geopfert! Glauben Sie nicht, dass ich nicht bemerkt hätte, wie Sie seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben!"

"Mein Vater hat Recht", kam es jetzt auch von Yana. "Aber warum haben Sie das getan?"

"Na ja, da gibt es ein Detail, das ich nicht wusste und nicht mehr erfragen konnte. Aber, nur um sicher zu gehen…. Yana, sind Sie noch Jungfrau?"

"Hä?" Yana errötete. "Ja, aber… warum interessiert Sie das?"

"Ich wollte nur sicher gehen. Ist schließlich eine Ressource, die man nicht einfach verschwenden sollte."

"Sie … Sie haben sich geopfert, damit ich nicht… Ich muss Ihnen danken. Aber ich fürchte, das wird nicht viel bringen, denn wenn mein Vater es ihnen morgen nicht erzählt, werden die immer noch…"

"Sie werden nicht." unterbrach Pampryl seine Tochter.

"Vater, Du darfst nicht! Nicht nach allem, was Millefleurs für uns getan hat!"

"Yana, Kind, ich muss. Ich kann doch nicht…"

"Sie brauchen auch nicht." Millefleurs begann, ihr Kleiderbündel zu durchsuchen.

"Was meinen Sie?"

"Nun, zuerst einmal meine ich … das." Millefleurs hielt eine Gabel in die Höhe.

Die beiden anderen blickten sie ungläubig an.

"Sie hatten ihre Runde in der Haupthalle, wo sie auch essen. Ich habe Meine Kleider auf einen Tisch geworfen, und als ich sie wieder einsammelte, als wir gingen, konnte ich die mitnehmen."

"Aber eine Gabel? Konnten Sie nicht ein Messer greifen?"

"Hätte ich auch tun können. Aber wozu? Um jemanden zu erstechen, und dann noch immer in diesem Ring zu stecken? Nein, die Gabel ist mächtiger als das Messer, zumindest in dieser Situation."

Sie ist durchgedreht, dachte Pampryl. Es hat sie doch verrückt gemacht. Jetzt können wir nur auf morgen warten. Vielleicht findet man uns ja rechtzeitig… Und weder er noch seine Tochter sahen, was Millefleurs tat.