Wieder eine Geschichte um Millefleurs – sie scheint sich wohl irgendwo unbeliebt gemacht zu haben. Oder weshalb wird sie aus der Hauptstadt des Reiches ausgewiesen?


Die zwei Reisenden wollten gerade die Kutsche besteigen, als vielfache Schritte sich dem Marktplatz näherten. Es war frühmorgens, der blaue Mond war bereits untergegangen. Da die Sonne noch nicht aufgegangen war, lag der Platz im dunkelroten Licht des zweiten Mondes, wodurch die Uniformen der Stadtwachen, die sich der Kutsche näherten, einen düsteren Ton annahmen. Sie begleiteten eine Frau, deren Alter in dem unsicheren Licht nur schwer einzuschätzen war.

„Was soll das?“ bescherte der Fahrer sich. „Es wurden nur zwei Fahrscheine verkauft…“

Die Wächter sahen ihn nur an, und der Fahrer wurde still. Dann sprach der Leutnant, der den Wachtrupp anführte. „Wir haben hier … jemand, die der Stadt verwiesen wurde. Wie du sicher weißt, wird die Fahrt vom Reich bezahlt. Diese Frau“ – der Abscheu, den er in das Wort legte, war besser zu hören als das Wort selbst – „wurde in Miran zur unerwünschten Person erklärt, weil sie Adlige verspottete.“

„Und warum wird sie auf eine Kutsche gesetzt, und nicht einfach aus dem Tor geworfen?“

„Ihre Lieder wurden als ansteckend und zu gefährlich für das Volk von Miran eingestuft. Es wird erwartet, dass ihre Lieder in der Ferne weniger Schaden anrichten können, auch, weil das verspottete Individuum die meiste Zeit in der Stadt verbleibt.“

„Ein einzelner Adliger? Und das ist so schlimm, dass sie weit weggeschickt
werden muss?“ Man hörte den Hohn sehr deutlich.

„Bezweifelst du die Weisheit von Baron Viridian Gilbur?“
Der Name des Chefs des imperialen Geheimdienstes erstickte allen weiteren Widerspruch im Keim. Der Kutscher drehte sich ab und kümmerte sich nicht weiter darum, was mit der Exilantin geschah. Die Frau wurde brutal in die Kutsche gestopft, anschließend stiegen auch die beiden anderen Fahrgäste ein. Schließlich stiegen zwei Wachen auf die Trittbretter auf der Rückseite der Kutsche und sie fuhr los.

Die beiden zahlenden Reisenden fühlten sich ein wenig unbehaglich in Gegenwart der Fremden, auch weil sie sie, vor dem Morgengrauen und mit vorgezogenen Vorhängen, nicht richtig sehen konnten. Erst als die Sonne eine Stunde später aufgegangen war, erhielten sie einen besseren Eindruck.

Die Abgeschobene war eine Frau unbestimmbaren Alters. Sie trug einen kurzen, braunen Rock und eine ärmellose Bluse mit Blumenmuster. Sie hatte an Stelle von Haar kastanienbraune Stoppeln, und sie blickte aus schwarzen Augen in die Welt.

Ihr Gepäck, das auf dem Kutschendach lag, schien aus einem Leinensack zu bestehen mit ein paar Dingen drin, aber viel konnte es nicht sein. Sie sah sicherlich nicht reich aus: Der einzige Schmuck, den sie trug, war ein kupferner Armring, verbeult, verdreht und verkratzt, für den man nur mit viel Glück noch ein oder zwei Silberstücke auf dem Markt bekommen hätte.

Sie schien zunächst eine Zeitlang geschlafen zu haben, aber jetzt, da Licht in die Kutsche flutete, erwachte sie und blickte sich um. Sie lächelte die beiden anderen Passagiere an, rückte in eine etwas komfortablere Haltung und blickte aus dem Fenster.

„Wohin soll die Reise denn gehen?“ fragte sie dann.

„Mesafort“, antworterte der Mann.

Sie blickte ihn an, ein Anflug von Kummer und Verlegenheit flog über ihr Gesicht. „Ich vergesse meine Manieren. Mein Name ist Millefleurs.“

„Millefleurs?“ kam das Echo von dem Mann. „Die Bardin?“
„Ja, Sie haben von mir gehört?“

„Hin und wieder. Ihre Fehde mit Baron Gilbur war eine Zeitlang das Stadtgespräch. Ach ja, ich heiße Pampryl, Harkon Pampryl, und dies ist meine Tochter Yana. Wir sind auf einer Geschäftsreise nach Mesafort, anscheinend gibt es dort Probleme mit einer Lieferung.“

„Angenehm“, sagte Yana, auch wenn man gut hörte, dass es ihr alles andere als das war.

In Gedanken zuckte Millefleurs mit den Achseln, ließ aber nichts davon
sichtbar werden. „Geschäftsreise? Warenlieferung? Sie sind Händler, nehme ich an?“

„Ja, aber nicht in gewöhnlichen Waren. Wir handeln ausschließlich mit magischen Waren.“

„Ich verstehe … Mesafort … Ihr Ziel ist also die Akademie?“

„Das stimmt. Wissen Sie, sie sollen…“

„Vati!“ unterbrach ihn seine Tochter.

„Ja, mein Liebling, was gibt’s?“

„Ich glaube nicht, dass Fräulein Flur sich für langweilige Handelsgeschichten interessiert.“

„Oh, ja. Nun, vielleicht kann sie uns dann, stattdessen, mit ein paar Geschichten aus ihrem Leben unterhalten?“

Und obwohl Yana sie offensichtlich immer noch nicht mochte, entwickelte sich langsam eine lebhafte Konversation und die Stunden gingen vorbei wie die Meilen unter den Rädern.