Und der dritte und letzte (und damit auch längere) Teil der Geschichte um den Drachen, die Kühe und das Mädchen. Wir erfahren, was die Drachen mit den Kühen tun, und welche Lösung das namenlose Mädchen vorschlägt.

Wer sich wundert: Nein, das Mädchen ist nicht Millefleurs, und die Gesachichte spielt auch nicht in Millefleurs‘ Welt – in Millefleurs‘ Welt sind keine Zwerge zu finden.


Die Jahre vergingen, und sie wuchs auf und wurde ein schönes Mädchen. Sie war ein ziemlicher Wildfang, aber dennoch lernte sie eine Menge über das Leben, über Kühe und über alles andere, was ein gutes Dorfmädchen wissen musste.

Zur Sommersonnenwende kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag änderte sich etwas in der allgemeinen Prozedur. Zum ersten Mal seit Er vor über dreizehn Jahren erschienen war, sah man Seine Gestalt, wie sie über dem Dorf kreiste und auf den Abend wartete.

Sie hatte einen Beschluss gefasst. Als alle ins Bett gingen und darauf warteten einzuschlafen, schlich sie sich aus dem Haus und auf den Dorfplatz. Dort angekommen nahm sie ein Seil und band sich selbst an einer Kuh fest. Sie war kaum mit den Knoten fertig, als sie fühlte, wie ihre Augen schwer wurden und sie einschlief.

Sie schrak auf. Es war helllichter Tag, und sie war in einem Tal in den Bergen. Unter ihr war ein Stapel Kuhfelle. Es war alles andere als unbequem.

Sie blickte sich um. Neben ihr sah sie eine Schale mit Obst. Sie nahm sich einen Apfel und fragte sich, wo ein frischer Apfel herkommen konnte, mehr als einen Monat bevor sie normalerweise reif waren. Sie biss hinein und machte sich dann auf, ihre Umgebung zu erforschen.

Sie umrundete einen Vorsprung des Bergs und sah Ihn. Er saß da wie ein Herrscher und blickte auf eine Herde von mehreren hundert Kühen, die friedlich grasten. Sie schienen sich an Seiner Gegenwart nicht zu stören. Langsam schlich sie näher, versuchte dabei, möglichst wenig Geräusche zu machen.

Als sie auf zehn Schritt herangekommen war, sprach Er plötzlich. "Ich sehe, dass Du wach bist. Hast Du, was Du haben willst?" Erst als Er gesprochen hatte, drehte Er Seinen Kopf und sah sie an.

"Wenn ich hier bleiben darf, habe ich alles, was ich brauche", antwortete sie.

"Wenn ich dich nicht hätte hier haben wollen, hätte ich dich nicht mitgenommen. Du hättest geschlafen und wärst auf dem Dorfplatz wieder erwacht. Obwohl es schade ist, dass ich die Kühe nicht mehr bekomme."

Zufrieden setzte sie sich neben Ihn. "Eine Herde Kühe? Du hütest sie?"

"Natürlich. So lange wie sie leben. Ich brauche ihr Fleisch nicht."

Ungläubig blickte sie zu Ihm hoch. "Du brauchst… Aber, dann, warum …?"

Er blickte tief in ihre Augen. "Dies muss ein Geheimnis zwischen uns bleiben. Versprichst Du mir das?"

Sie blickte zurück. Langsam nickte sie. "Niemand wird es je von mir erfahren."

"Dann ist es gut. Wir Drachen fressen kein Fleisch. Es ist für uns giftig."

Sie runzelte die Stirn. "Heißt das, dass ihr Pflanzen esst? Die meisten Tiere, die Pflanzen fressen, brauchen viel mehr…"

"Nein, wir Drachen sind auch keine – wie sagt ihr – Pflanzenfresser. Wir benötigen zu viel Energie als dass wir mit Nahrung, die so … roh … ist, etwas anfangen könnten. Was wir … du könntest sagen essen … ist viel edler."

Er blickte zu einer Kuh hinüber. Diese zuckte plötzlich zusammen und rannte ein paar Schritte, vergaß dann aber wieder, was sie erschreckt hatte.

Sie blickte wieder zu Ihm. Aus einem Mundwinkel sah sie ein weißes Rinnsal, während Er … war das ein Lächeln?

Sie blickt wieder auf die erschreckte Kuh – und bemerkte, dass ihr Euter leer war. Sie sah die anderen Kühe an. Etwa ein Drittel hatte leere Euter, der Rest wartete anscheinend darauf gemolken zu werden. Sie sah zu Ihm zurück, und begann zu ahnen.

"Ja, wir brauchen Milch um zu überleben. Leider halten die Kühe nicht lange vor bevor sie … austrocknen. Sie produzieren nicht viel Milch, und deshalb sind wir gezwungen immer neue Kühe zu sammeln. Und mit einer Baronie weniger … nun, während es mir gefällt, dass du hier bist, bedeutet es doch, dass ich eine andere Quelle suchen muss. Ich habe mein Wort gegeben."

Sie lehnte sich gegen seine linke Pranke. "Wusstest du, dass ich kommen würde?"

"Seit dem Tag, an dem ich dich zum ersten Mal sah. Dein Geist schrie auf. Er schrie gegen das, was du als Unrecht sahst, und du behauptetest deinen Standpunkt. Ja, ich erwartete, dass du kommen würdest. Und doch… warum bist du gekommen?"

"Ich wollte wissen… Als du das erste Mal im Dorf warst, sahen sie alle nur den mächtigen, furchteinflößenden Drachen. Ich sah ein wunderschönes, edles Geschöpf und wunderte mich ob ich so falsch lag. Anscheinend nicht."

"Und was willst du jetzt tun?"

"Du hast ein Problem, weil ein Teil deiner Milchversorgung plötzlich ausfällt?"

"Ein Fünftel, um genau zu sein – und in einem Vierteljahr. Ich sammele etwa 50 Kühe alle drei Monate, was gerade so ausreicht um mich zu erhalten. Aber ich werde eine neue Baronie suchen. Natürlich werde ich dich nicht hier festhalten. Was sollte ich mit dir anfangen? Kann ich dich irgendwohin bringen?"

Sie setzte sich auf Sein rechtes Hinterbein und lehnte sich gegen Seinen kräftigen Körper. Sein Geruch – so ganz anders als alles, was sie bisher gerochen hatte – kitzelte in ihrer Nase. "Sag, gab es einen besonderen Grund, weshalb du zehn Kühe verlangt hattest? Du hättest so ziemlich alles verlangen können, ich bezweifle, dass jemand sich widersetzt hätte."

"Was sollte ich mit etwas anderem anfangen? Was ich benötige ist die Milch. Deshalb verlange ich die Kühe."

Sie lächelte verträumt. In der Zwischenzeit entdeckten drei weitere Kühe überrascht, dass ihre Euter plötzlich leer waren.

"Ich denke, ich werde hier bleiben – zumindest eine Zeitlang. Und ich helfe dir, weniger von den Menschen abhängig zu werden."

"Weniger abhängig? Das wäre nett. Aber wie willst du das schaffen?"

"Hast du deine Sammlung für diese drei Monate bereits abgeschlossen?"

"Nein, ich muss noch in zwei Dörfern vorbeifliegen."

Sie lächelte zu Seinen Augen empor und tippte ihm spielerisch mit ihrem Zeigefinger gegen Seine riesige Nase. "Könntest du deine Bestellung bei einem der Dörfer ändern? Lass sie drei oder vier junge Bullen liefern – es ist gerade die Zeit, dass sie sie sonst schlachten oder zu Ochsen machen."

Er zeigte Anzeichen von Verwirrung. "Bullen? Die geben keine Milch. Was soll ich mit denen? Wie ich sagte, Fleisch ist Gift für mich."

"Glaube mir, das ist, was du wirklich brauchst. Hast du schon einmal von den Bienen und den Blumen gehört?"