Jetzt einmal eine etwas andere Geschichte. Ich habe sie in drei Teile geteilt – der dritte ist deutlich länger als die ersten beiden, ließ sich aber nicht sinnvoll noch einmal unterteilen.

Es beginnt damit, dass ein Dorf einen recht unerwarteten Besuch erhält…

Er kam aus den Bergen, eines Abends im späten Frühling. Die Sonne glänzte auf Seinen Schuppen, die unter der kaum gebändigten Kraft Seiner Muskeln spielten. Die Männer des Dorfes eilten von den Feldern heim, wo sie die Äcker bestellten, und fürchteten das Schlimmste. Zu ihrer Überraschung saß Er auf dem Dorfplatz, unbeeindruckt von den ängstlichen Blicken der Frauen, noch durch die kaum zurückgehaltene Wut des Barons.

In ihren Augen allerdings sah Er aus, als sei Er direkt von den Göttern gekommen – was er vielleicht sogar war.

"Drache!", flüsterte die Dorfbevölkerung.

Sie sah, dass jeder Angst hatte, aber sie verstand nicht, wieso. Sie war schließlich erst drei Jahre alt.

Als Er sprach, zitterten alle Gebäude im Dorf. Später hieß es sogar, dass einige der Fenster im Wohnsitz des Barons zerbrochen waren, was schade war. Sie waren immerhin aus Glas, und Glas war teuer.

"Es ist ganz einfach", sagte Er. "Zehn Tage nach jeder Sonnenwende, und zehn Tage nach jeder Tag- und Nachtgleiche, bringt ihr mir zehn Kühe – hübsche, saftige Kühe, keine Stiere, keine Ochsen, keine alten Kühe, nichts anderes – und pflockt sie hier im Dorfplatz an. In der folgenden Nacht komme ich und hole sie ab."

Zehn Kühe, das war eine Menge. Vierzig Kühe im Jahr war mehr als das Dorf alleine aufbringen konnte. So jung wie sie war, so viel wusste sie. Aber sie verstand die Angst nicht. Deshalb trat sie vor, die Hände in die Hüften gestemmt, so wie es ihr Vater so oft tat, und sah Ihn direkt an.

Hinter ihr schnappten einige Dörfler nach Luft. Es war niemand da, der sie zurückzuziehen wagte aus Angst, dass Er auf ihn aufmerksam würde.

"Nur wei' du groß bis', heißt das nich', dass du einfach wegnehmen kanns' was uns gehört!" schrie sie Ihn an. In der Menge hinter ihr fiel ihre Mutter in Ohnmacht.

Blitzschnell schoss Sein Kopf vor und stoppte wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht. Sie zuckte nicht zurück, obwohl eines Seiner Augen fast so groß war wie sie.

"Hier hat ja tatsächlich jemand Schneid!" Er schien sich zu amüsieren. "Keine Sorge, ich will euch nicht alle umbringen. Die zehn Kühe, das ist das, was die ganze Baronie abliefern muss." Er stieg wieder in die Lüfte. Als alle dachten, Er sei fort, kam er noch einmal zurück und drehte ein paar Kreise über ihren Köpfen.

"Eines Tages", donnerte er, "eines Tages hole ich mir vielleicht eine eurer Töchter. Und wenn ich das tue, werde ich nicht mehr für weitere Kühe zurückkommen." Und dieses Mal verließ Er das Dorf wirklich.

Und ihr Herz sang. Alle anderen hatten nur kräftige Muskeln gesehen, scharfe Zähne, feurige Augen, und harte und undurchdringliche Schuppen. Sie hatte dahingegen das Spiel der Sonne auf seinem Körper bewundert, die fein gepflegten Krallen, die Gewandtheit seiner Bewegungen, das Glänzen in seinen Augen. Die anderen hatten Macht und Gefahr gesehen, sie aber sah Schönheit.