Wie üblich zum Monatsende die Komplettversion der Geschichte. Für alle, die sie lieber am Stück lesen…

Für den nächsten Monat geht es dann wieder zurück zu Millefleurs. Sie fällt zusammen mit ein paar Mitreisenden in Räuberhände.

Drache!

Er kam aus den Bergen, eines Abends im späten Frühling. Die Sonne glänzte auf Seinen Schuppen, die unter der kaum gebändigten Kraft Seiner Muskeln spielten. Die Männer des Dorfes eilten von den Feldern heim, wo sie die Äcker bestellten, und fürchteten das Schlimmste. Zu ihrer Überraschung saß Er auf dem Dorfplatz, unbeeindruckt von den ängstlichen Blicken der Frauen, noch durch die kaum zurückgehaltene Wut des Barons.

In ihren Augen allerdings sah Er aus, als sei Er direkt von den Göttern gekommen – was er vielleicht sogar war.

"Drache!", flüsterte die Dorfbevölkerung.

Sie sah, dass jeder Angst hatte, aber sie verstand nicht, wieso. Sie war schließlich erst drei Jahre alt.

Als Er sprach, zitterten alle Gebäude im Dorf. Später hieß es sogar, dass einige der Fenster im Wohnsitz des Barons zerbrochen waren, was schade war. Sie waren immerhin aus Glas, und Glas war teuer.

"Es ist ganz einfach", sagte Er. "Zehn Tage nach jeder Sonnenwende, und zehn Tage nach jeder Tag- und Nachtgleiche, bringt ihr mir zehn Kühe – hübsche, saftige Kühe, keine Stiere, keine Ochsen, keine alten Kühe, nichts anderes – und pflockt sie hier im Dorfplatz an. In der folgenden Nacht komme ich und hole sie ab."

Zehn Kühe, das war eine Menge. Vierzig Kühe im Jahr war mehr als das Dorf alleine aufbringen konnte. So jung wie sie war, so viel wusste sie. Aber sie verstand die Angst nicht. Deshalb trat sie vor, die Hände in die Hüften gestemmt, so wie es ihr Vater so oft tat, und sah Ihn direkt an.

Hinter ihr schnappten einige Dörfler nach Luft. Es war niemand da, der sie zurückzuziehen wagte aus Angst, dass Er auf ihn aufmerksam würde.

"Nur wei' du groß bis', heißt das nich', dass du einfach wegnehmen kanns' was uns gehört!" schrie sie Ihn an. In der Menge hinter ihr fiel ihre Mutter in Ohnmacht.

Blitzschnell schoss Sein Kopf vor und stoppte wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht. Sie zuckte nicht zurück, obwohl eines Seiner Augen fast so groß war wie sie.

"Hier hat ja tatsächlich jemand Schneid!" Er schien sich zu amüsieren. "Keine Sorge, ich will euch nicht alle umbringen. Die zehn Kühe, das ist das, was die ganze Baronie abliefern muss." Er stieg wieder in die Lüfte. Als alle dachten, Er sei fort, kam er noch einmal zurück und drehte ein paar Kreise über ihren Köpfen.

"Eines Tages", donnerte er, "eines Tages hole ich mir vielleicht eine eurer Töchter. Und wenn ich das tue, werde ich nicht mehr für weitere Kühe zurückkommen." Und dieses Mal verließ Er das Dorf wirklich.

Und ihr Herz sang. Alle anderen hatten nur kräftige Muskeln gesehen, scharfe Zähne, feurige Augen, und harte und undurchdringliche Schuppen. Sie hatte dahingegen das Spiel der Sonne auf seinem Körper bewundert, die fein gepflegten Krallen, die Gewandtheit seiner Bewegungen, das Glänzen in seinen Augen. Die anderen hatten Macht und Gefahr gesehen, sie aber sah Schönheit.

* * * *

Zehn Kühe pro Quartal von der ganzen Baronie, das war machbar, aber immer noch hart. 40 Kühe im Jahr. Als Lehnsherr tat dies dem Baron am meisten weh. Und als, zusammen mit der hundertsten Kuh, der Wachhund verschwand, sein bester Jagdhund, der die Kühe bewachen sollte, schickte er um einen Drachenjäger.

Der Drachenjäger war ein verdrecktes, ungepflegtes Etwas. Wo auch immer er hinging, folgte ihm eine Hülle aus Gestank und blieb zurück, fast als habe der Geruch einen eigenen Willen. Sein Name war unaussprechlich, deshalb nannten alle ihn Gargi. Er war ein Zwerg.

Sie war gerade sechs Jahre alt geworden, und fast so groß wie der Zwerg.

In der Dorfkneipe erzählte man Gargi, wie alles ablief. Wie die Kühe abends auf den Dorfplatz geführt wurden. Wie sie nachts verschwanden und nur ein paar Fladen hinterließen.

"Hat der Drache auch Leute entführt?" wollte Gargi wissen.

Seltsam genug: Die Antwort war nein. Einige der älteren Mädchen im Dorf blickten verlegen in ihre Weinbecher. Sie hatten daran gedacht fortzulaufen, unter der Ablenkung des Drachen – das Dorf würde drei Monate lang nicht erfahren, dass sie nicht vom Drachen mitgenommen worden wären. Aber stattdessen waren sie zusammen mit dem Rest des Dorfes eingeschlafen, und erst am nächsten Morgen erwacht. Wenigstens waren sie schlau genug gewesen, sich still zu halten.

Ein paar von den Jungs hatten allerdings versucht, einen Blick auf den Drachen zu erhaschen. Das hatte sie auch. Aber auch die Jungs – und sie auch – waren Opfer des Schlafes geworden.

Gargi blieb drei Tage, aß und trank auf ihre Kosten. Dann war der Tag gekommen. Das Dorf brachte die Kühe auf den Dorfplatz, und Gargi machte sich bereit, dem Drachen entgegenzutreten.

Am nächsten Morgen waren die Kühe fort. In einer Ecke des Dorfplatzes fand man Gargis Kleider, Kettenhemd und seine Waffen; in der gegenüberliegenden Ecke lag Gargi selbst, leise schnarchend, ohne dass ihn die kalte Winterluft auf seiner nackten Haut gestört hätte.

Als er vom allgemeinen Gelächter geweckt wurde, verlor Gargi keine Zeit damit, sich anzuziehen. Er schnappte sich seine Sachen und rannte fort, auf Nimmerwiedersehen.

Das war das einzige Mal, dass das Dorf einen Drachenjäger angeheuert hatte.

* * * *

Die Jahre vergingen, und sie wuchs auf und wurde ein schönes Mädchen. Sie war ein ziemlicher Wildfang, aber dennoch lernte sie eine Menge über das Leben, über Kühe und über alles andere, was ein gutes Dorfmädchen wissen musste.

Zur Sommersonnenwende kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag änderte sich etwas in der allgemeinen Prozedur. Zum ersten Mal seit Er vor über dreizehn Jahren erschienen war, sah man Seine Gestalt, wie sie über dem Dorf kreiste und auf den Abend wartete.

Sie hatte einen Beschluss gefasst. Als alle ins Bett gingen und darauf warteten einzuschlafen, schlich sie sich aus dem Haus und auf den Dorfplatz. Dort angekommen nahm sie ein Seil und band sich selbst an einer Kuh fest. Sie war kaum mit den Knoten fertig, als sie fühlte, wie ihre Augen schwer wurden und sie einschlief.

Sie schrak auf. Es war helllichter Tag, und sie war in einem Tal in den Bergen. Unter ihr war ein Stapel Kuhfelle. Es war alles andere als unbequem.

Sie blickte sich um. Neben ihr sah sie eine Schale mit Obst. Sie nahm sich einen Apfel und fragte sich, wo ein frischer Apfel herkommen konnte, mehr als einen Monat bevor sie normalerweise reif waren. Sie biss hinein und machte sich dann auf, ihre Umgebung zu erforschen.

Sie umrundete einen Vorsprung des Bergs und sah Ihn. Er saß da wie ein Herrscher und blickte auf eine Herde von mehreren hundert Kühen, die friedlich grasten. Sie schienen sich an Seiner Gegenwart nicht zu stören. Langsam schlich sie näher, versuchte dabei, möglichst wenig Geräusche zu machen.

Als sie auf zehn Schritt herangekommen war, sprach Er plötzlich. "Ich sehe, dass Du wach bist. Hast Du, was Du haben willst?" Erst als Er gesprochen hatte, drehte Er Seinen Kopf und sah sie an.

"Wenn ich hier bleiben darf, habe ich alles, was ich brauche", antwortete sie.

"Wenn ich dich nicht hätte hier haben wollen, hätte ich dich nicht mitgenommen. Du hättest geschlafen und wärst auf dem Dorfplatz wieder erwacht. Obwohl es schade ist, dass ich die Kühe nicht mehr bekomme."

Zufrieden setzte sie sich neben Ihn. "Eine Herde Kühe? Du hütest sie?"

"Natürlich. So lange wie sie leben. Ich brauche ihr Fleisch nicht."

Ungläubig blickte sie zu Ihm hoch. "Du brauchst… Aber, dann, warum …?"

Er blickte tief in ihre Augen. "Dies muss ein Geheimnis zwischen uns bleiben. Versprichst Du mir das?"

Sie blickte zurück. Langsam nickte sie. "Niemand wird es je von mir erfahren."

"Dann ist es gut. Wir Drachen fressen kein Fleisch. Es ist für uns giftig."

Sie runzelte die Stirn. "Heißt das, dass ihr Pflanzen esst? Die meisten Tiere, die Pflanzen fressen, brauchen viel mehr…"

"Nein, wir Drachen sind auch keine – wie sagt ihr – Pflanzenfresser. Wir benötigen zu viel Energie als dass wir mit Nahrung, die so … roh … ist, etwas anfangen könnten. Was wir … du könntest sagen essen … ist viel edler."

Er blickte zu einer Kuh hinüber. Diese zuckte plötzlich zusammen und rannte ein paar Schritte, vergaß dann aber wieder, was sie erschreckt hatte.

Sie blickte wieder zu Ihm. Aus einem Mundwinkel sah sie ein weißes Rinnsal, während Er … war das ein Lächeln?

Sie blickt wieder auf die erschreckte Kuh – und bemerkte, dass ihr Euter leer war. Sie sah die anderen Kühe an. Etwa ein Drittel hatte leere Euter, der Rest wartete anscheinend darauf gemolken zu werden. Sie sah zu Ihm zurück, und begann zu ahnen.

"Ja, wir brauchen Milch um zu überleben. Leider halten die Kühe nicht lange vor bevor sie … austrocknen. Sie produzieren nicht viel Milch, und deshalb sind wir gezwungen immer neue Kühe zu sammeln. Und mit einer Baronie weniger … nun, während es mir gefällt, dass du hier bist, bedeutet es doch, dass ich eine andere Quelle suchen muss. Ich habe mein Wort gegeben."

Sie lehnte sich gegen seine linke Pranke. "Wusstest du, dass ich kommen würde?"

"Seit dem Tag, an dem ich dich zum ersten Mal sah. Dein Geist schrie auf. Er schrie gegen das, was du als Unrecht sahst, und du behauptetest deinen Standpunkt. Ja, ich erwartete, dass du kommen würdest. Und doch… warum bist du gekommen?"

"Ich wollte wissen… Als du das erste Mal im Dorf warst, sahen sie alle nur den mächtigen, furchteinflößenden Drachen. Ich sah ein wunderschönes, edles Geschöpf und wunderte mich ob ich so falsch lag. Anscheinend nicht."

"Und was willst du jetzt tun?"

"Du hast ein Problem, weil ein Teil deiner Milchversorgung plötzlich ausfällt?"

"Ein Fünftel, um genau zu sein – und in einem Vierteljahr. Ich sammele etwa 50 Kühe alle drei Monate, was gerade so ausreicht um mich zu erhalten. Aber ich werde eine neue Baronie suchen. Natürlich werde ich dich nicht hier festhalten. Was sollte ich mit dir anfangen? Kann ich dich irgendwohin bringen?"

Sie setzte sich auf Sein rechtes Hinterbein und lehnte sich gegen Seinen kräftigen Körper. Sein Geruch – so ganz anders als alles, was sie bisher gerochen hatte – kitzelte in ihrer Nase. "Sag, gab es einen besonderen Grund, weshalb du zehn Kühe verlangt hattest? Du hättest so ziemlich alles verlangen können, ich bezweifle, dass jemand sich widersetzt hätte."

"Was sollte ich mit etwas anderem anfangen? Was ich benötige ist die Milch. Deshalb verlange ich die Kühe."

Sie lächelte verträumt. In der Zwischenzeit entdeckten drei weitere Kühe überrascht, dass ihre Euter plötzlich leer waren.

"Ich denke, ich werde hier bleiben – zumindest eine Zeitlang. Und ich helfe dir, weniger von den Menschen abhängig zu werden."

"Weniger abhängig? Das wäre nett. Aber wie willst du das schaffen?"

"Hast du deine Sammlung für diese drei Monate bereits abgeschlossen?"

"Nein, ich muss noch in zwei Dörfern vorbeifliegen."

Sie lächelte zu Seinen Augen empor und tippte ihm spielerisch mit ihrem Zeigefinger gegen Seine riesige Nase. "Könntest du deine Bestellung bei einem der Dörfer ändern? Lass sie drei oder vier junge Bullen liefern – es ist gerade die Zeit, dass sie sie sonst schlachten oder zu Ochsen machen."

Er zeigte Anzeichen von Verwirrung. "Bullen? Die geben keine Milch. Was soll ich mit denen? Wie ich sagte, Fleisch ist Gift für mich."

"Glaube mir, das ist, was du wirklich brauchst. Hast du schon einmal von den Bienen und den Blumen gehört?"