Und der letzte Teil der Geschichte um die Leibwächterin. Man darf sich auf ein paar Überraschungen freuen – wenn man nicht mit scharfen Augen und Kenntnis einiger klassischer Tropen schon ein wenig weiter gedacht hat.

Und wer beim Ende der Geschichte denkt: "Da kommt doch bestimmt noch etwas nach", hat natürlich Recht. Aber nächsten Monat geht es um eine ganz andere Sache – versprochen!

In den nächsten Tagen ging alles seinen gewohnten Gang. Es wurden keine weiteren Versuche gemacht, den Stein zu stehlen. Aber etwa eine Woche später kam ein Brief, der di Bosson tanzen ließ.

"Hier, lies das!" sang er glücklich und hielt Lilli den Brief, den er gerade geöffnet hatte, vor die Nase. Lilli blickte ein wenig unglücklich drein.

"Ähh… würden Sie … vielleicht … ich meine… könnten Sie… ähh, tja…"

di Bosson erriet sofort, was sie sagen wollte.

"Oh, tut mir leid. Ich wusste nicht, dass du nicht lesen kannst. Die meisten Leute, die ich kenne, können es."

"Die meisten Leute, denen Sie begegnen, gehören auch zu sogenannten höheren Schichten, wo Lesen und Schreiben wichtig sind. Wenn Ihre Eltern einfache Arbeiter wären, gäbe es wesentlich wichtigere Fähigkeiten. Zum Beispiel, wie man in einer Prügelei überlebt und am nächsten Tag beim Blick in die Waschschüssel sein eigenes Gesicht noch wiedererkennt."

di Bosson nickte. "Ich verstehe. Und ich muss zugeben, dass ich das wahrscheinlich nicht könnte."

Lilli neigte den Kopf nach links und rechts. "So hat jeder seine Stärken und Schwächen. Wir können nicht mit den Göttern um das streiten, was sie uns gegeben haben."

di Bosson nickte nachdenklich und wollte sich wegdrehen. Lilli stoppte ihn. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht… es scheint etwas Wichtiges in dem Brief zu stehen, das Sie mir erzählen wollten."

"Oh ja, ich vergaß. Er ist von der Akademie in Mesafort. Sie wollen den Stein haben. Das könnte den Fluch endlich brechen."

"Wenn Sie ihn dorthin gebracht kriegen. Ich will ja nicht unken, aber…"

di Bosson dachte nach. "Du hast recht. Der Träger könnte auch ausgeraubt werden. Also muss ich zusehen, dass ich einen Boten finde, der den Stein dort abliefern kann." Er blickte sie an. "Und ich glaube, ich weiß jemand, die es schaffen könnte."

Lilli schaute ihn überrascht an. "Ich? Aber was wird mit meiner Aufgabe hier, Sie zu beschützen?"

"Das ist leicht. Wir nehmen ja an, dass der Stein die Ursache für die Unannehmlichkeiten ist. Wenn er nicht mehr hier ist, sollten die Angriffe auch stoppen. Und Dein Job ist es dafür zu sorgen, dass ich nicht angegriffen werde."

Lilli seufzte. "Dafür zu sorgen, dass Sie nicht angegriffen werden. Das musste ja so kommen. Tja, ich glaube, dann gibt es nichts, was ich dagegen tun kann."

* * * *

Ein unscheinbares Gebäude stand in den Straßen von Miran. Kein Passant hätte vermutet, dass der imperiale Geheimdienst auch hier beheimatet war – sogar mehr beheimatet als in der offiziellen Residenz des Dienstes. Und auch kaum ein Nachbar hätte vermutet, wie viele Leute das Gebäude jeden Tag betraten und verließen – in erster Linie, weil sie weder die Vorder- noch die Hintertür benutzten.

Eine der Personen, die durch unterirdische Gänge kamen, war der oberste Chef selbst, Baron Viridian Gilbur, obwohl ihn niemand als "Chef" angeredet hätte. Aber auch er war überrascht, als er sah, wer auf ihn in seinem Büro wartete.

"Agentin Strauß? Ich dachte, du wärst auf Einsatz? Oder hast du schon…" Er sah einen silbernen Anhänger auf seinem Schreibtisch liegen. "Ich verstehe." Er blickte seine Agentin noch einmal an. "Was ist mit deinem Haar geschehen?"

Agentin Strauß fuhr sich über die Stoppeln, die ihren Kopfschmuck darstellten. "Wieso? Ich trage meine Haare immer so kurz. Aber das weißt du doch…"

Graf Gilbur lächelte. "Als ich dich das letzte Mal sah, war es viel länger."

Agentin Strauß lächelte zurück. "Ja, das war für den Auftrag."

"Und wie ging es?"

"Wie erwartet. Als er mich erst einmal als echt akzeptiert hatte und dachte, er habe einen Weg gefunden, den Stein los zu werden ohne dabei getötet zu werden, war er nicht mehr zu halten."

Die Tür ging auf und ein Halb-Echs brachte ein paar Dokumente für Graf Gilbur. Es hatte den Raum beinahe wieder verlassen, als er die zweite Person im Raum bemerkte.

"Ah, Lilli, nett, dass du wieder da bist."

Lilliandarna Gilbur – auch bekannt als "Agentin Strauß" – lächelte zurück. "Schön, dich auch wieder zu sehen, Glumpie."

"Es war mir ein Vergnügen zu helfen, vor allem, weil ich damit aus der Provinz zurückkehren konnte. Es geht nichts über Miran, wenn man mich fragt." Und der Halbechs, der gerüchteweise in der Glockenturmstraße getötet worden war, verließ den Raum.

Auf Aufforderung berichtete Lilli, was im Hause di Bosson geschehen war.

"Er schickte dich also mit dem Anhänger nach Mesafort? Der Brief war…?"

"Gefälscht, natürlich. Er wird erst merken, was geschehen ist, wenn er auf die Bezahlung wartet."

"Aber warum haben wir ihm dann nicht ein Angebot gemacht? Er hatte den Stein, und wir wollten ihn schließlich haben."

"Ich war mir nicht sicher, dass das so geklappt hätte. Weißt du, der Fluch… wenn er wirklich existiert…"

"Oh, der ist echt, das kann ich dir versichern."

"Dann hätte der Fluch das nicht zugelassen. Der Stein wäre auf dem Weg hierhin verschwunden. Außerdem wäre di Bosson sicher nicht gewillt, uns so zu helfen. Er ist ja nicht einmal aus dem Imperium."

"Er wartet also jetzt, dass du ihm die Bezahlung bringst? Was passiert, wenn er feststellt, dass du verschwunden bist?"

"Ich denke, er wird den Stein schnell vergessen wollen; er ist schon glücklich, dass er lebt. Er wird den Stein wahrscheinlich abschreiben, immerhin dürfte es teurer für ihn werden, mich zu finden, als er für den Stein bezahlt hat."

"Bist du dir da sicher?"

"Wegen des Fluches. Er muss den Stein selbst auch auf illegale Weise erhalten haben. Er kann sich also nicht bei den Behörden beschweren, denn dann würde auch bekannt werden, was er getan hatte, um den Stein zu erhalten. Und eine Privatrache … wo ist der Gewinn?"

Baron Gilbur lächelte grimmig. "Ich verstehe. Aber ist die Tatsache, dass du hier angekommen bist, nicht auch ein Bruch des Fluches. Du gibst mir den Stein…"

"Das beweist leider gar nichts. Wieso auch? Ich habe den Stein nicht selbst genommen, um ihn dir zu schenken. Ich nahm ihr für den Geheimdienst, und wenn ich ihn jetzt übergebe, ändert sich nichts am Eigentum. Obwohl… vielleicht haben wir eine Möglichkeit, den Fluch zu brechen…"

"Ja? Wie?"

"Wenn wir ihn als Geschenk an jemanden geben. Sagen wir, an unseren geliebten Imperator zum Geburtstag. Das wäre eine legale Übertragung."

Jetzt lächelte Baron Gilbur und schüttelte den Kopf. "Der Dienst selbst ist Eigentum des Imperators. Damit ist alles, was wir besitzen, sowieso sein. Wir können es ihm also nicht schenken."

Lilli war überrascht. "Und wenn wir ihn jemand anderem schenken?"

"Ohne dass der Imperator es weiß? Sagt Dir der Begriff Unterschlagung etwas?"

Lilli dachte eine Minute nach. "Naja… ich denke, das Publikum wartet sehnsüchtig darauf, dass die Bardin Millefleurs wieder auftaucht."

"Das tut es. Wir melden uns."

"Sicher, Onkel."

Mit einem letzten Blick auf den verfluchten Stein, und einer Gänsehaut, verließ Lilli das Büro.