Der Geschichte um den Leibwächter zweiter Teil. di Bosson heuert einen Leibwächter an, und wenige Tage später stellt sich heraus, dass das ganz sinnvoll war.

Außerdem hören wir, dass einer der ANgreifer aus dem letzten Teil anscheinend nicht mehr lebt…

Pünktlich am nächsten Tag betrat Lilli das Büro von Stego di Bosson. Er beobachtete, wie ihre Augen hin und her huschten und welche Prioritäten sie setzte. Zunächst suchte sie die Türen, dann die Fenster, dann Orte, an denen sich jemand verstecken konnte. Erst als sie sicher war, dass sie niemand aus dem Hinterhalt anfallen würde, schüttelte sie di Bossons Hand.

"Bitte setzen Sie sich. Ich muss zugeben, dass ich ein paar … Freunde… Nachforschungen anstellen ließ. Sie werden zugeben, dass es ein wenig verdächtig aussieht, wie Sie so genau im richtigen Augenblick auftauchten als drei Schurken etwas von mir wollten, und dass Sie sie vertreiben konnten."

Misstrauisch beobachtete Lilli ihn. "Ich weiß, aber es war reiner Zufall. Ich war erst zwei Stunden in der Stadt und hatte den Großteil der Zeit damit verbracht, eine Unterkunft zu suchen. Ich weiß ja nicht, wie schnell die Unterwelt hier arbeitet, aber ist es wirklich möglich, so schnell einen angeblichen Überfall zu organisieren?"

di Bosson lächelte. "Genau. Man würde mindestens ein, zwei Tage brauchen, um solche Typen aufzutun, und die beiden hatten auch in letzter Zeit die Stadt nicht verlassen. Es sieht also wirklich so aus als wären Sie eine Zufallsbegegnung, die mir das Leben gerettet hat."

"Danke." Lilli lächelte di Bosson an.

"Und das bedeutet, dass irgend jemand versucht, mich umzubringen."

"Hä? Das sah für mich aus wie eine guter, altmodischer Straßenraub."

"Ja, aber das war es nicht. Ich hatte ihnen meinen Geldbeutel angeboten, aber sie waren nicht interessiert. Und heute höre ich, dass der Halbechs tot aufgefunden wurde."

"Tot? Ich wusste gar nicht, dass man einen Kroko durch einen Schlag auf den Nervenknoten töten kann. Ich dachte immer, dass es ihn nur kampfunfähig macht."

"Ja, das hatte ich auch gehört. Aber er starb nicht an dem Schlag. Jemand hat ihm später in der Nacht die Kehle durchgeschnitten. Er wurde heute frühmorgens in der Glockenturmstraße gefunden, hörte ich."

"Glockenturmstraße? Wo ist die?"

"Ich vergaß, Sie sind nicht von hier. Die Straße geht vom Hafen zum Osttor. Nicht gerade das sicherste Stadtviertel."

Lilli nickte. "Danke für den Tipp."

"Oh, aber ich hatte nicht deshalb um dieses Gespräch gebeten. Ich überlegte mir gestern – und will heute fragen – ob Sie für mich arbeiten wollen."

"Als was?"

"Als Leibwächter. Zumindest bis wir wissen, weshalb die drei mich angreifen wollten, und wer hinter allem steckt."

Lilli zögerte. "Sie wissen, weshalb ich in letzter Zeit keine Anstellung finden konnte. Es ist ein böses Omen..:"

"An das ich nicht glaube. Oh, natürlich weiß ich, dass Magie existiert, und Pech, aber ich glaube nicht, dass Leute Pech bringen."

Lilli blickte di Bosson fragend an. Dann zuckte sie mit den Achseln. "Warum nicht? Ist immer noch besser, als auf der Straße zu hausen und was weiß ich arbeiten zu müssen."

"Gut, dann ist es vereinbart?" Sie schüttelten die Hände.

"Wann beginne ich?"

"Hmm… natürlich so schnell wie möglich. Sie werden natürlich bei mir wohnen, also – sobald Sie ihre Sachen eingeräumt haben, sehe ich Sie wieder."

"OK. Ich bin wahrscheinlich in zwei Stunden wieder da."

Und so geschah es.

* * * *

Die ersten zwei Tage vergingen ohne besondere Ereignisse. Niemand meldete sich bei di Bosson, um nach dem Angriff zu fragen – immerhin wusste wahrscheinlich auch niemand darüber, mit Ausnahme von Lilli. Di Bosson, Branko, dem Anführer der Angreifer… und ein möglicher Auftraggeber. Und keiner von ihnen hatte irgend einen Grund gefunden, darüber zu sprechen.

di Bosson gewöhnte sich schnell daran, dass sich jemand um seine Sicherheit kümmerte. Lilli gelang es auch, trotz ihres Aussehens, im Hintergrund zu bleiben, wenn es notwendig war. Wenn er irgendwohin ging, bestand sie darauf, den Ort zuerst zu überprüfen, was di Bosson ein wenig unangenehm war – er hatte noch nie einen Leibwächter gehabt -, aber da keine weiteren Anschläge verübt wurden, bleiben ihre Aktionen bemerkenswert nutzlos.

In der dritten Nacht aber geschah etwas. Di Bosson hatte einen sehr geschäftigen Tag hinter sich, und der ganze Haushalt war früh schlafen gegangen. Es war eine warme Sommernacht, und die Frösche hatten die ganze Nacht gelärmt. Wenn man sich aber an sie gewöhnt hatte, wirkte es auf die Anwohner wie ein Wiegenlied.

Dann, spät in der Nacht, wurden die Frösche plötzlich still. Nicht langsam und einzeln, wie bei Fröschen üblich, sondern alle auf einmal. Es war als hielte die Nacht den Atem an in der Erwartung eines Schurkenstreiches.

Ein kratzendes Geräusch war zu hören, wie ein Messer, das durch Papier ging. Oder genauer, es war ein Messer, das durch Papier ging, wie ein Beobachter im Gang zwischen den Dienstbotenräumen bemerkt hätte. Dort wurde nämlich ein Fenster aufgeschnitten – sie waren hier mit Ölpapier bestückt und nicht mit teurem Glas wie im Hauptgebäude. Dennoch war das mehr als viele Arme Leute in der Stadt ihr eigen nennen konnten. Langsam glitt das Messer durchs Papier, mit kaum mehr Geräusch als eine Hand machen würde, die über Seide strich. Das Messer schnitt drei Seiten des Fensters entlang, dann griff eine Hand hinein und rollte das Papier auf, wodurch ein Loch entstand, durch das eine Blaskapelle hätte marschieren können.

Es kam aber keine Blaskapelle. Einen Herzschlag lang hätte der Beobachter einen Schatten erkennen können, klein und drahtig, der sich sofort unter die Höhe der Fensterbank duckte. Zur selben Zeit nahmen die Frösche im Garten ihr Konzert langsam wieder auf.

Flüsternde Geräusche verrieten, dass der Eindringling sich bewegte, entlang der Wand und auf die Vorhänge zu, die die Kammern der Bediensteten von den Räumen des Hausherrn trennten. Die wollenen Vorhänge machten kein eigenes Geräusch als der Fremde durch den schmalen Spalt glitt. Und nicht einmal er bemerkte, dass der Vorhang sich in der Zugluft einen Augenblick länger bewegte als der erwähnte theoretische Beobachter erwartet hätte.

Als er die Räumlichkeiten der Diener verlassen hatte, wurde der Eindringling mutiger. Hier war weniger Gefahr, dass er verräterische Geräusche machte, denn der Rest des Hauses war mit dicken Teppichen versehen, und er glitt über die Teppiche zum Schlafzimmer des Hausherrn. Er war sich seines Weges sicher, ohne auch nur einmal zu stoppen um sich zu orientieren. Langsam öffnete er die Türe und glitt hinein, wobei er die Türe angelehnt ließ, sollte er plötzlich flüchten müssen.

Er schlich zum kleinen Beistelltisch neben dem Bett, in dem di Bosson schlief und schnarchte. Im Mondlicht war er kaum auszumachen wie er mehrere Schmuckstücke, die dort lagen, betrachtete; offensichtlich vom ihrem Eigentümer dorthin gelegt, als er zu Bett ging. Vorsichtig streckte er den Arm aus und ergriff einen rötlichen Stein, der in einen silbernen Anhänger gefasst war. Dann drehte er sich um und ging zurück zur Türe, wobei er die anderen Gegenstände auf dem Tisch ignorierte.

Plötzlich ertönte Kampfeslärm im Zimmer. Eine dunkle Figur hatte sich auf den Eindringling geworfen, und Rufe wurden laut. di Bosson schrak aus dem Schlaf hoch, aber im Halbdunkel konnte er nur die Umrisse von zwei Personen ausmachen, die miteinander kämpften. Schnell ergriff er die Bettpfanne und schwang sie gegen den nächsten Kopf, der sich ihm präsentierte.

Er erkannte seinen Fehler einen Moment später., als die andere Gestalt sofort durch die Tür tauchte und, alle Vorsicht hinter sich lassend, aus dem Haus rannte. Gleichzeitig ertönte eine weibliche Stimme, die irgendjemandes Stammbaum in nicht gerade höflichen Begriffen kommentierte. Obwohl er als Bewohner einer Hafenstadt die raue Sprache der Seeleute kannte, stellte di Bosson fest, dass er hier noch eine Menge über Flüche und Verwünschungen lernen konnte.

Ein paar Augenblicke später rannte der Majordomo herein, mit einer Kerze in der Hand. Er blickte überrascht auf seinen Herrn, die verbeulte Bettpfanne und Lilli, die auf dem Boden lag und ihre Schulter massierte.

"Upps!" war di Bossons erste Reaktion.