Der zweite Teil der Geschichte. Wir begegnen zum ersten Mal Lilliandarna – meist nur kurz Lilli genannt – und erfahren ein wenig über ihre Verwandten. Auch über die Welt, in der sich das ganze zutzrägt, erfährt man hier ein paar erste Details.

Wie man hier ausdrücklich erfährt, ist Miran die Hauptstadt des Imperiums. Miran ist eine große Stadt und liegt ungefähr in der Mitte des Imperiums. Wichtige Namen, denen wir hier begegnen, sind außerdem Semal Gilbur, Lillis Bruder und Diener am Hofe, Almeg Koroban Ludowar Zohar, ehemaliger Hofmagier und Hofkater Rohazil.

Am nächsten Abend machte sie den nächsten Ausflug. Wieder hatte sie gewartet, bis alle Bewohner der Schule tief und fest schliefen, bevor sie das Haus verließ. Diesmal hatte sie sich jedoch nicht als alte Frau zurechtgemacht, sondern war in ihrer alltäglichen Kleidung unterwegs, also in dem kurzen Rock, den sie zwei Abende vorher zur Bedeckung des quadratischen Schlüsselloches benutzt hatte, wenngleich sie auch – ungewöhnlich für sie – ein paar langer Strümpfe trug.

* * * *

Stolz und majestätisch stand die Burg des Kaisers in Miran. Wenn auch der Abend bereits weit fortgeschritten war, so waren doch fast alle Fenster von Kerzenschein erleuchtet, denn Kaiser Borudin pflegte Gäste bis spät in die Nacht zu bewirten. Die Torwachen, deren Aufgabe es war, Besucher zu überprüfen, waren ihres Dienstes müde, aber sobald sich jemand näherte, wurden sie dennoch aufmerksam. Auch am Hintereingang, der den Dienstboten vorbehalten war, standen zwei Wachen, die Piken fest in der Hand.

„Guten Abend. Ich bin Lilliandarna Gilbur, und ich würde gerne meinen Bruder Semal, der hier als Diener beschäftigt ist, sehen.“ grüßte eine hübsche, junge Frau die beiden.

Von der Parfümierung, die sie noch vor wenigen Minuten mit einem kleinen Fläschchen durchgeführt hatte, war bereits nichts mehr zu riechen.

Einer der beiden Wachen verließ den Posten, und wenige Minuten später kam der gesuchte Bruder zur Türe.

„Hallo, Lilli“, begrüßte er sie. „Wir haben Dich ja lange nicht mehr gesehen. Was machst Du denn so heutzutage?“

„Ich bin viel unterwegs, Du weißt doch. Eine wandernde Sängerin muß eben dies tun: wandern. Und da ich zufällig in Miran vorbei kam, dachte ich mir, ich sage ‚mal meinem Bruder Hallo. Wie geht es den anderen?“

„Ach ja, wie soll’s den beiden gehen? Koryanda wird wohl bald ihre Arbeit verlassen, sie hat sich in einen Adeligen aus Kelland verschossen, der hier lebt, und Jogrin ist immer noch damit beschäftigt, die Priester zu überzeugen, dass sein Geburtstag kein böses Omen ist.“

Leise kicherten die beiden.

„Übrigens: unser Onkel ist gerade am Hofe. Willst Du ihm nicht auch guten Tag sagen?“

Lilli war blaß geworden. „Nein, nein, lieber nicht. Ich glaube nicht, dass er sehr erfreut wäre, mich hier zu sehen.“

„Wie? Seid ihr nicht mehr so gut aufeinander zu sprechen?“

„Ach, weißt Du, er hat nie so recht verwunden, dass A.K.L. mich hinausgeschmissen hat. Dabei kann ich doch nichts dafür, dass ich keine magische Begabung habe.“

„Das verstehe ich immer noch nicht. Zohar war sich doch so sicher…“

„Auch der Hofmagier seiner allergöttlichsten Magnifizenz kann sich einmal irren, nicht wahr?“

Beide kicherten. Almeg Koroban Ludowar Zohar war bereits vor fast drei Jahren in Schimpf und Schande entlassen worden. Dennoch war ihnen klar, dass er eine der größten Institutionen des Kaiserreiches in Bezug auf Magiekunde darstellte.

Aus der Tiefe des Palastes wurden Rufe laut.

„Warte hier, Lilli, ich muss eben weg. Ich komme gleich zurück.“

In der Zwischenzeit machte Lilli es sich bequem. Plötzlich tauchte aus der Tiefe des Schlosses ein großer, graugetigerter Kater, dem ein Auge in irgendeiner Streiterei verloren gegangen war, auf. Vorsichtig näherte er sich Lilli, die in die Knie ging und ihm ihre Hand entgegenstreckte. Zuerst schnüffelte er an ihrer Hand, doch dann leckte er sie und ließ sich von ihr streicheln.

Er schnurrte wohlig und laut, als Semal zurückkam. Der machte große Augen.

„Was ist denn mit Rohazil los?“

„Meinst Du den Kater? Der tauchte auf einmal auf und wollte gestreichelt werden. Wieso? Ist etwas?“

Semal schüttelte nur ungläubig den Kopf. Rohazil, der seine Ankunft bemerkt hatte, war mittlerweile grollend entschwunden.

„Rohazil ist normalerweise sehr unfreundlich und unzugänglich. Selbst Kaiser Borudin darf ihn nur höchst selten streicheln. Und jemand, den er nicht kennt, kann froh sein, wenn der Versuch, ihn zu streicheln nicht mit tiefen, unangenehmen Kratzwunden endet.“

„Dann habe ich wohl viel Glück gehabt?“

„Das kannst Du wohl sagen, Schwesterchen. Übrigens: Unser Onkel ist schon wieder gegangen. Er hat sich nur noch einmal unsere Sicherheitsvorkehrungen erläutern lassen: Möchte nur zu gerne wissen, was da eigentlich schon wieder los ist.“

* * * *

Als die Frau, die ein paar Abende zuvor den unbeobachteten Striptease vollbracht hatte, spät am Abend wieder ihre Unterkunft erreichte, musste sie schnell unter die Decke schlüpfen, denn irgend jemand machte sich außen an ihrer Zimmertüre zu schaffen. Schnell drehte sie sich auf ihrem Strohsack mit dem Gesicht zur Wand und versuchte, möglichst gleichmäßig zu atmen. Wenige Sekunden später öffnete die Türe sich leise, und eine dunkle Gestalt blickte durch den Ritz. Als die Gestalt sah, dass die Frau tief und fest zu schlafen schien, schloss sie ebenso leise die Türe wieder.

Nachdem weitere fünf Minuten vergangen waren, setzte die junge Frau sich wieder auf. Schnell zog sie die Strümpfe aus und nahm ein Armband, das über und über mit glitzernden Steinen besetzt war, von ihrem Knöchel. Dies Armband steckte sie zusammen mit dem kleinen Fläschchen, das sie am Vortage gekauft hatte, wieder in das Stroh.